Es hatte so sehr geschneit, daß nicht mal mehr mit Schneeschuhen ein zügiges Durchkommen möglich war. Alles war weiß. Die Fichtenäste bogen sich beängstigend tief nach unten, auf jedem noch so kleinen Zweig lag Neuschnee, zum Glück nicht allzu schwer, da feiner Pulver-Schnee.

Am frühen Morgen schneite es nicht mehr, so ging ich mit der Flinte raus, um nach frischen Hasenspuren zu suchen. Vielleicht hatte ich ja auch gleich Glück. Es dämmerte noch nicht mal richtig, aber der abnehmende morgendliche Mond übergoß die ganze Schnee-Pracht mit einem feenhaften Zwielicht. Mystisch! Es war so kalt, daß in der Luft sogar Eiskristalle flirrten, wenn ich gegen den Mond sah.

Langsam, sehr langsam watete ich durch den lockeren Neuschnee, sehr leise obendrein, da das feine Pulver jedes Geräusch verschluckte.

Schon nach kurzer Zeit sah ich die erste Spur. Ich brauchte mehrere Minuten, um diese "Löcher im Schnee" wirklich als Hasen identifizieren zu können, denn der Schnee war derart locker und tiefgründig, daß der gesamte Hase von Sprung zu Sprung mit dem ganzen Körper Abdrücke hinterlassen hatte. Richtige Pfotenabdrücke waren sehr schwer zu finden. Auch hörten die Spuren zwischendurch immer wieder auf.

Vielleicht hatte er sich unter dem vielen Schnee seine Gänge gegraben.

Nach einiger Zeit kam ich auf einen kleinen hügeligen Fels, der deutlich anders aussah, als sonst: er hatte einen dicken "Buckel".

'Seltsam', dachte ich, 'hat sich hier eine besonders große Schneewehe gebildet?'

Ich ging langsam näher, intuitiv drauf gefaßt, daß hier etwas Überraschendes zum Vorschein kommen würde.

Tatsächlich! Kaum war ich etwa 3 Meter an die vermeintlichen Schneewehe herangetreten, begann diese plötzlich zu leben. Zuerst war ein brauner Fleck zu sehen, dann zwei wackelnde braune Spitzen, die sich aus dem Schnee hoben. Schließlich ein ganzer Elch-Kopf, der nach allen Seiten sicherte und mich natürlich sofort bemerkte.

Ich blieb stehen, vermied jede Bewegung und versuchte, dem Tier eine "friedvolle Ausstrahlung" entgegenzubringen: "Ich tu' Dir nichts ... will Dich nur beobachten ..."

Die Elchkuh fixierte mich eine Weile mit hin und her wiegendem Kopf.

Sie lag tatsächlich völlig eingeschneit in ihrer Schlafkuhle, die sie sich wohl mitten auf dem kleinen Hügel in den Schnee gescharrt hatte.

Unendlich langsam, wie in ultra-Zeitlupe erhob sie sich dann. Zuerst erhob sie die Hinterläufe, was etwas lustig aussah, dann die Vorderläufe. Schließlich stand sie und schüttelte den Schnee aus dem Fell. Ein Elch, der fast 2 Minuten zum Aufstehen braucht, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Es war ein faszinierendes Schauspiel. Sie stand nun in ganzer Größe vor mir, sah mich an, blickte wieder zur Seite, als schien sie zu überlegen, was nun angebracht wäre.

Ich sprach sie nun an. Leise, sanft, ohne sie zu erschrecken.

Da wiegte sie noch einmal den Kopf, schüttelte ihn, als wenn sie mit einer Geste ausdrücken wollte, daß sie jetzt lieber gehen wolle, und schlenderte langsam, durch den Schnee davon, in dem sie bis weit über die Mitte der Läufe einsank.

Unglaublich, wie diese Tiere in dem vielen Schnee überhaupt noch Halt finden können. Sie vermögen jedoch ihre Schalen weit zu spreizen, sind sie doch auf moorastige Gegenden spezialisiert, wo sie ebenfalls durch weit gespreizte Schalen einen guten Halt finden.

Als die Elchkuh etwa 20m weit gelaufen war, hielt sie noch einmal an, drehte sich um, blickte mich mit wiegendem Kopf an und zog dann weiter.

Es war fast wie ein Abschied.

Der Elch wird wahrlich nicht umsonst in Skandinavien als "König der Wälder" bezeichhnet. Übrigens: es ist kein Gerücht, daß diese Tiere unter Wasser äsen können (bewußtes Verschließen der Nasenlöcher offenbar möglich). Ich sah es selbst einmal. Im Sommer konnte ich einen Elch beobachten, der fast eine halbe Minute lang den Kopf in einen kleinen Tümpel steckte, dessen Rand voller Wasserpflanzen war.