1. Kapitel:
Im Banne Sodons
"Oh, Herr Jesus Christus, gedenke meiner in Deinem Königreich, gedenke meiner in den Tagen der letzten Finsternis, wenn Du gar heimlich und unerkannt kommen wirst wie ein Dieb in der Nacht, auf daß die Macht des Satans ein für allemal gebrochen werde und der Glanz Deiner Herrlichkeit das Erdenrund umstrahle.
Amen!"
Ich beende mein letztes Abendgebet und lege mich in meiner Zelle zur Ruhe.
Doch es gelingt mir nicht, all die wirren Gedanken zu vertreiben. Der nackte Stein, aus dem mein Nachtlager besteht, fühlt sich an diesem Abend ganz besonders hart und leblos an, als wenn er dadurch die Härte und Leblosigkeit meines Klosters, ja des ganzen Ordens anzeigen will.
Seit nunmehr fünfzig Jahren lebe ich hinter diesen dicken Mauern, zuerst als Novize, später als einfacher Bettelmönch, in den letzten Jahren als Pater Gregorius, der sogar hie und da die Messe lesen darf. Doch in all den langen, zermürbenden Jahren der Selbstkasteiungen, der endlosen Gebete, der Erniedrigungen und der aufgezwungenen körperlichen Keuschheit ist es mir nicht gelungen, Christus zu finden. Ich habe nur zweierlei gefunden: Resignation und Verbitterung!
Mit welch jugendlichem Enthusiasmus habe ich mich damals in ein Leben voller Selbsthingabe an den Orden, voller Aufopferung für meine Nächsten und voller ehrlicher Gebete gestürzt!
Immer von der Sehnsucht getragen, die wahre Nachfolge Jesu Christi antreten zu dürfen, um einst in Sein Reich eingehen zu können.
Was ist jetzt aus mir geworden?
Ein trübseliger, verbrauchter Greis, dessen schlimmste Erkenntnis vielleicht ist, daß das Christentum eine einzige Lüge sein muß, ja, daß unter dem Deckmantel der Frömmigkeit und Gottesfurcht die schrecklichsten und blutrünstigsten Taten geschahen und noch geschehen.
Etwa zu meinem vierzigsten Geburtstag fand in unserem Kloster die erste Gerichtsverhandlung der heiligen Inquisition statt. Ein Mädchen aus dem nahen Dorf, das mir als Heilerin bekannt war, wurde als Hexe verurteilt und zunächst in einen Keller des Klosters gesperrt.
Damals glaubte ich sogar noch, daß all diejenigen, die sich mit dem Teufel ver-bündet hatten, tatsächlich zu töten seien, doch als in den nächsten Wochen mehrere Kellerräume der Abtei im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit mit den schrecklich-sten Foltergeräten ausgestattet wurden, vermochte ich den Dingen keinen Sinn mehr abzugewinnen.
Wie es mein Schicksal wollte, wurde ausgerechnet ich zum Zeugen der Folterun-gen dieses jungen Mädchens berufen, das zwischen unmenschlichen Schmerzens-schreien immer wieder seine Unschuld beteuerte.
Das Mädchen starb damals unter den schrecklichsten Qualen.
Vor meinen Augen!
Und in mir starb damals auch etwas.
Etwas, das man vielleicht vertrauenden Glauben nennen könnte, etwas, das man Unschuld nennen könnte ...
Hieß es nicht, 'Du sollst nicht töten'?
Hieß es nicht, 'Urteilt nicht, denn mit dem Maße, mit dem ihr meßt, werdet auch ihr gemessen werden'?
Verkündigte nicht unser Heiland 'Ich bin die Liebe'? Durfte denn im Namen der Liebe so etwas Schreckliches geschehen? Zumal - ich wage es kaum zu sagen - ich im Laufe der Zeit bemerken mußte, daß die christlichen Folterknechte an den Quälereien all der verhörten Mädchen Lust empfunden hatten. Vergebt mir meine Offenheit, aber sie empfanden reinste leibliche Lust! Man hat unseren Herrn Jesus besudelt. Und ich habe es nicht verhindert.
Zwar habe ich einige Male vorsichtig bei unserem 'Gnädigen Abt' Sanktius angefragt, ob denn dies alles im rechten Sinne unserer Heiligen Mutter Kirche sei. Am Anfang wurde ich noch wohlwollend belehrt, auf hartnäckigere Fragen folgten jedoch deutlicher werdende Drohungen. Ja, ich wurde sogar gefragt, auf welcher Seite ich überhaupt stehen würde.
Sollte auch ich schon unter den Einfluß des Satans geraten sein?
Diese Furcht um mein Leben und Seelenheil ließ mich verstummen. Also schwieg ich fortan zu den Greueltaten.
"Oh Herr, vergib meiner armen Seele!"
Wieder bäumt sich alles in mir auf unter diesen quälenden Erinnerungen an die Vergangenheit. Ich kann nicht schlafen, wie so oft, wenn diese Gedanken, bleichen Fingern gleich, in mein Gehirn eindringen, und ich richte mich, immer noch entsetzt, auf, versuche, die quälenden Inquisitionsszenen zu verdrängen, die Schreie der nackten, gefesselten Frauen, die durch die düsteren, blutverschmierten Gewöl-be hallten, wo sie irgendwann ungehört verklungen waren.
Doch mir hatten sie sich eingebrannt, bis in die Tiefen meiner Seele. Und in diesen schauerlichen Bewußtseinstiefen standen die Namen der Getöteten und deren Schmerzensschreie unauslöschlich eingemeißelt.
Später war ich aus Altersgründen von dieser Arbeit befreit worden, doch die Erinnerungen blieben. Unerbittlich drängten sie Tag für Tag aus der Tiefe hervor und vergifteten meinen gequälten menschlichen Geist, der inzwischen zu schwach geworden war, um sie zu vertreiben, zu ungläubig, um sie dem zweifelhaften Gott zu übergeben, in dessen Namen wir die Welt von Hexen und Heiden zu befreien trachteten.
Ich weine. Und ich friere.
Es ist kalt geworden in der Zelle.
Im Mondlicht auf dem Steinbett sitzend, lasse ich nun meine Gedanken in die Zeit nach den Inquisitionsdiensten schweifen, als ich in den Archiven der Abtei arbeite-te und dort so manchen politischen Meuchelmord verzeichnet fand.
Stand es nicht in den Kloster-Regeln, daß wir Mönche uns von allen weltlichen Machenschaften fernzuhalten hatten? Diese Regel war anscheinend nie befolgt worden. Ganz im Gegenteil. Aus den Aufzeichnungen war genau ersichtlich, mit welch niederträchtiger Unverfrorenheit die Obrigkeit des Klosters jeweils den-jenigen Landesfürsten unterstützt hatte, der dem Kloster am meisten gespendet hatte. Doch diese Dinge hatten mich kaum noch erschüttert nach all den Jahren bei der Inquisition.
Sie steuerten nur noch ihr Scherflein dazu bei, daß ich das letzte Quentchen Glau-ben, das ich noch besaß, auch verlor und innerlich ein hohler Stein wurde.
Äußerlich prahlte ich mit auswendig gelernten Gebetsformeln der früheren Mystiker, doch innerlich war die Welt für mich ein verlogenes Jammertal, das so in Intrigen versponnen war, daß für den Einzelnen nur noch eine Chance bestand: Er mußte möglichst effektiv dieses üble Spiel mitspielen, um davon nicht ausgesogen zu werden.
Ich sitze immer noch auf der harten Steinpritsche und werde von der Verbitterung fast überwältigt. Gibt es denn keine Gerechtigkeit auf dieser Welt, wo doch in der Bibel von der Liebe zum Nächsten die Rede ist, von der gegenseitigen Achtung und vom Dienst am Mitmenschen?
Hat Jesus nicht gesagt 'Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!'?
Und wie sieht die Realität aus?
Ist es der Sinn des Lebens, daß die Lebewesen sich gegenseitig niedermetzeln oder verleumden? Besteht dieses irdische Jammertal nur aus Schmerz und Lust, aus Raffen und Gieren?
Ich glaube zu ersticken, springe auf und schreie:
"Ist es das wirklich, was du willst, o Herr? Oh hätte ich nur deine Macht, Herr, ich würde die Welt schon zum rechten verändern."
Mit einem Mal geht ein leiser Windhauch durch die düstere Zelle.
Was war das?
Hoffnung keimt auf. Sollte mir in meiner tiefsten Verzweiflung nicht doch noch eine Antwort zuteil werden?
"Entweder es geschieht jetzt etwas - oder ich sterbe!"
Und das Unfaßbare geschieht!
Seit dreißig Jahren verbringe ich meine einsamen Stunden in dieser Zelle und noch nie ist mir die Treppe vor meinen Füßen aufgefallen. Sie ist einfach da. Eine Treppe mitten im Boden meiner Zelle, die in einen dunklen Schacht hinabführt.
Ich bin zu allem entschlossen. Angst habe ich keine mehr.
Es gibt für mich nichts mehr zu verlieren. Der Tod wäre nur noch eine Erlösung. So zünde ich hastig eine Kerze an.
"Ein Geheimgang!" flüstere ich erregt zu mir selbst.
Mit fiebrigen Augen blicke ich zunächst auf den Gang hinaus, ob nicht ein anderer Bruder mein Unterfangen stören könnte. Beruhigt, doch trotzdem mit pochendem Herzen steige ich die Stufen hinab.
Stickige Luft schlägt mir entgegen.
Der Kerzenschein beleuchtet eine schmale, steil abwärts führende Treppe, die in unergründliche Tiefen zu führen scheint. Seltsamer, schmieriger Belag bedeckt den Boden und klebt an den Wänden. Wohin führt diese Treppe nur? Dieser Teil des Klosters ist doch überhaupt nicht unterkellert ..., und meine Zelle liegt ebenerdig ...
Ich zögere kurz und will schon umkehren, um den Abt von der merkwürdigen Entdeckung zu informieren, da überkommt mich eine seltsame Eingebung:
"Geh' hinunter. Du bist alt. Dein Ende naht bald. Willst du deinem Schöpfer mit all dieser Verbitterung entgegentreten, die du in dir trägst? Du kennst doch all deine quälenden und gequälten Gedanken. Geh hinunter. Zaudere nicht an der Schwelle zur Erkenntnis."
Diese intensive Stimme gibt den eindeutigen Befehl:
'Steige hinab!'
Mein Herz pocht wild, die kurze Beklemmung weicht einer neugierigen Versessen-heit. Gibt es doch einen Gott? Wird mir in den Katakomben dort unten die Gestalt Christi begegnen? Gar im leuchtenden Auferstehungsleib?
Aufgeregt mache ich mich an den Abstieg, kann dabei kaum etwas erkennen im Schein der flackernden Kerze, taste mich, verzweifelt nach Halt suchend, mit der freien Hand durch den schmalen Abwärtsgang.
Die Treppe ist zu Ende.
Ich stehe in einer uralten, geheimnisvoll verzierten Halle.
Langsam sehe ich mich um.
Verzierte Wände, Decke und Boden aus kaltem Fels.
In der Mitte des Raumes ein massiger Altar.
"Es liegt etwas darauf ...." flüstere ich zu mir selbst und trete näher.
Ein dunkles, ledergebundenes Buch liegt inmitten eines Sexagramms und starrt zu mir herüber.
"Das Buch lebt. Es sieht mich an ..." führe ich mein Selbstgespräch weiter und höre den leichten Hall meiner Worte im Geheimgang.
Ich fixiere das Buch, und wieder höre ich die Stimme in mir:
"Komm, Gregorius, und lies!"
Jetzt gibt es kein Zögern mehr.
Was immer auch geschehen soll, es sei!
Ich greife nach dem Lederband ..