Der Schock der Erkenntnis traf Chronos wie ein Hammerschlag mit Mjølnir,
obwohl der Hammer des Thor erst in weiter Zukunft in zermalmende Existenz
treten würde.
'Was existiert hier?' stellte Chronos die Frage ohne Sinn in die Leere, wußte er
doch, daß hier mit absoluter Sicherheit nichts existieren konnte, hier vor dem
Beginn allen Seins, vor dem ersten Hauch von Raum und Zeit.
Aus Mahashunja kam nur die unpersönliche Resonanz des Wartens zurück.
Die Welten-Stille wartete geduldig, doch ebenso sehnend auf die ersten
samenhaften Informationen, um die sich das spätere Sein würde kristallisieren
können.
Und doch erkannte er eine andere Resonanz aus der Leere.
Nein, keine Resonanz, sondern eine unmittelbare Antwort.
Chronos stockte, wußte er doch von der Unmöglichkeit einer Antwort.
Nichts gab es, das in der Lage gewesen wäre, zu antworten.
Und doch schälte sich eine dreieinige EINS wie ein fadendünner Hauch aus dem
Nichtsein.
Dieses ominöse Etwas war kein erstes Teilchen, das sich aus der Informations-
Flut der Fülle im Nichts herauskristallisiert hätte, es war eine mikroskopisch
kleine Schöpfung.
Hier existierte ein eigenes Universum, eine Mikro-Singularität, winzig klein,
dennoch lebendig, nicht vollendet, dennoch voller pulsierendem Leben von
Millionen Zeit-Einheiten in komprimierter Form.
Chronos erkannte eine ungeheuerliche Wahrheit: diese winzige Schöpfung
enthielt eine Art Zeitstempel, der bereits aus dem Universum entstammte,
dessen erste Voraussetzung, die Zeit, er gerade im Begriffe war zu erschaffen.
Sie trug ihre eigene Zeit und ihren eigenen Raum in sich.
Doch gleichzeitig trug diese Mikroschöpfung auch die energetische Signatur der
Nicht-Zeit vor aller Existenz.
Wenn ein Ur-Wesen wie Chronos so etwas wie Verwirrung hätte empfinden
können, dann wäre er nun in der Tat verwirrt gewesen. Durch die Stabilität
seiner Zeitenkraft gestützt verfiel er aber nur in großes Staunen, nahm er doch
wieder einmal ein Wunder des All-Einen Herrlichen wahr.
So beschloß er, sich diesem Wunder zu nähern, um es genauer erkunden zu
können.
Als das gewaltige Wesen von kosmisch-humanoider Diamant-Gestalt seine
kristallin funkelnden Augen auf die Mikro-Schöpfung richtete, wurde
augenblicklich jede Illusion einer Entfernung annulliert, denn Raum war noch
nicht existent, eine Entfernung somit ebenfalls nicht. Und auch die Größe
konnte nicht relativiert werden, denn es gab keinerlei Metrum, womit eine
Größe hätte festgestellt werden können.
In der Leere gab es nur ihn selbst, das erste, gerade erschienene Zeitquant und
diese Mikro-Singularität, die dennoch die Schöpfungs-Zahl Drei in sich trug.
Und alles lag unendlich nahe zusammen - oder unendlich weit auseinander, je
nach Blickwinkel, obwohl ein Blick und ein Winkel natürlich ebenfalls noch
nicht in Manifestation getreten waren.
Aus Chronos' Staunen wurde nun ein Wundern.
Er sandte einen Impuls in das Nichts, nicht wissend, ob so etwas wie eine
Botschaft überhaupt an den winzigen Kosmos übertragen werden konnte.
Denn wie sollte im Nichts ein Impuls an etwas Anderes gesandt werden?
Schließlich gab es nichts Anderes ... nur das Mahashunja, die erhabene Leere,
und ihn, den Zeiten-Erschaffer.
Und doch: dieser nulldimensionale Punkt im Nichts schien zu reagieren...
Er resonierte im Bewußtsein der Wahrheit, einer Wahrheit, die überhaupt noch
nicht existierte.
'Hier muß etwas völlig aus dem Ruder gelaufen sein', vermutete Chronos.

***

Die Trinität, Lara
Die Art und Weise, in der unser Mini-Universum als stabile Singularität im
Nichts vor der Schöpfung existierte, war - aus menschlicher Sichtweise - eine
absolute Absurdität. Ein lebendiges Axiom, etwas, das eigentlich niemals hätte
in Existenz treten dürfen.
Und dennoch ... wir waren hier!
Aufgrund all der informativen Resonanzen, angefangen mit der Zahlen-Reihe
des einstigen Genies Nikola Tesla, die das Geheimnis des Kosmos in der Tat
beherbergte, über das gespeicherte Wissen von Xantuil in uns, bis zu der
Aufforderung und des steuernden Impulses durch das Kristall-Wesens Logos,
haben wir das absolut Unmögliche durch reine Willenskraft in die Wege geleitet:
die Erschaffung eines eigenen Mikro-Universums aus unserem Kollektiv-
Bewußtsein als kosmische Informations-Matrix und der Raumzeit aus dem
Universum, aus dem wir entstammen.
Und damit haben wir Ailons letzthin gegebenen Rat erfüllt, wir haben einen
Quantensprung ausgelöst, denn wir sind quasi das erste spontan erschienene
Teilchen in diesem ausklingenden Pralaya: unsere quantenhafte Spontan-
Existenz ist in Form eines sprunghaften Schöpfungs-Impulses in das innerste
Nichts vorgedrungen, wo just in diesem Augenblick (oder auch erst nach Äonen,
wer vermag das ohne vorhandenen Zeitverlauf zu klären?) der Herr der Zeiten
aus dem großen Schlaf zwischen den manifestierten Schöpfungen erwacht ist.
In unserer unglaublichen Existenzform haben wir das gewaltige Wesen erblickt,
dessen diamantenes Strahlen jedoch nur in unserem Bewußtsein aufgetaucht
war, denn wie soll im Nichts auch ein Strahlen wahrzunehmen sein.
Durch das Erscheinen des Zeiten-Erschaffers schien auch ein erstes Zeit-Partikel
in die Existenz gefallen zu sein, jedenfalls ist plötzlich eine ähnliche Resonanz
zu spüren wie zu den Tempusonen, aus denen das Zeitenschiff besteht.