Die Ruinen der Mars-Kriege

Die Reise durch den Tunnel verlief wie gewohnt. Nur konnte sich Shanti diesmal nicht an den Schönheiten des Weltraums erfreuen. Allzusehr betrübte ihn der Hexen-Fluch, der auf dem Zwergles-Wald lag. Was würde er nur in Erfahrung bringen müssen? Was mochte dieser seltsame Satz 'Aus Zwei mach' Eins' nur bedeuten? Shanti war fest entschlossen, es herauszufinden. Und dem Geist der See-Hexe würde er dann schon die Leviten lesen ...

"Achtung, Achtung", meldete sich da plötzlich die mechanische Stimme des Anzugs, "wir erreichen in zehn Minuten die Mars-Oberfläche. Der Marsboden ist fest. Ähnlich dem Erd-Mond mit Steinen übersät. Dort warst du ja schon einmal. Du wirst in der Nähe von uralten Bauwerken landen. Achtung, höchste Vorsicht ist geboten. Von Untersuchung der Bauwerke muß abgeraten werden ..."

Mehr sagte die Stimme nicht. Doch gerade durch die geheimnisvolle Erwähnung der alten Bauwerke war Shantis Neugierde natürlich geweckt. Dann war die Reise auch schon zu Ende, der Korridor übergab ihn der Mars-Oberfläche und verschwand.

Da stand Shanti nun mitten in einer rotbraunen Ebene, deren Eintönigkeit nur durch seltsame Erhebungen unterbrochen wurde. Er holte ein Fernglas aus einer seiner Außentaschen und richtete es auf die Erhebungen. Ja, ganz klar, das waren die Ruinen von ehemals riesigen Bauwerken. Schon aus der großen Entfernung heraus war zu erkennen, daß sie durch heftige Gewalteinwirkung eingestürzt waren. Das wollte Shanti natürlich genauer auskundschaften und setzte sich in Richtung der Ruinen in Bewegung. Er kam erstaunlich rasch vorwärts, denn die Schwerkraft war auf dem Mars geringer als auf der Erde, so war er leichter als sonst und konnte die vielen Steine ohne jede Mühe einfach überspringen. Nach einiger Zeit war er schon ganz nahe an einer der riesigen Ruinen.

"Mein Gott, was mag hier nur geschehen sein?" flüsterte Shanti zu sich selbst. Gewaltige Steinbrocken lagen durcheinander und zeugten von einer gewaltigen Explosion oder sogar von der Einwirkung einer Bombe, denn ein auf natürliche Weise eingestürztes Gebäude sah völlig anders aus.

"Aus Zwei mach Eins ..." murmelte das Zwergle, "hier werde ich bestimmt keine Teil-Lösung finden. Und Wissenswertes sicher auch nicht, außer, daß es hier ganz sicher einen Krieg gegeben hat. Hier haben sich irgendwelche Wesen gegenseitig totgeschossen. Und so sieht das dann im nachhinein aus. Das sollten sich einmal manche Menschen von der Erde ansehen. Dann würden sie keine Kanonen und Bomben mehr herstellen ..."

Shanti ging nun bis zu den ersten Trümmern und überlegte sich, ob er nun den Rat der Stimme des Anzugs befolgen und hier nicht weiter forschen sollte. Doch während er noch überlegte, geschah etwas Außerordentliches: In einer der Ruinen, die noch nicht ganz so zerstört aussah, klappte plötzlich ein kleines Türchen auf, genau in Zwergengröße, und dahinter war sanftes, blaues Licht zu sehen. "Was ist das? Eine Einladung?" flüsterte Shanti, ging sofort auf das Türchen zu und spähte hinein. Da lag innerhalb des Brockens ein kleines Zimmer verborgen, in dem Zimmer befand sich nur ein Stuhl, wieder in Zwergen-Größe, dazu etwas, das aussah wie ein sehr, sehr großer Fernsehapparat. Unser Abenteurer faßte sich ein Herz und betrat vorsichtig das Zimmerchen. Hinter ihm ging die Türe zu und schnappte leise ins Schloß. Der Raum war ganz und gar hellblau erleuchtet und wirkte äußerst friedvoll. Trotzdem schlug Shantis Herz bis zum Halse. Er setzte sich auf den Stuhl und wartete, was jetzt wohl geschehen würde. Da verdunkelte sich plötzlich das Licht ein wenig. Aus dem Hellblau wurde Dunkelblau. Dafür erhellte sich der Bildschirm des seltsamen Gerätes, worauf ein ihm unbekanntes Symbol erschien. 'Jetzt wird doch wohl nicht ein Video mit einem Zeichentrick-Film der Mars-Leute gezeigt werden?' dachte das Zwergle. Doch was tatsächlich geschehen sollte, war noch viel aufsehenerregender. Zunächst wurde der Mars gezeigt, vom Weltall aus gesehen, so wie er auch vom Energie-Tunnel her zu sehen war. Dann ertönte eine wohlklingende Stimme, die absolut verständlich war. Woher mochte dieser Apparat nur die Sprache der irdischen Zwerge kennen?

Und alles, was die Stimme nun berichtete, war ebenso als Bild auf dem Bildschirm zu sehen: "Willkommen auf dem Mars, kleiner Besucher. Du kommst in einer Zeit, wo du hier auf diesem einst von Blumen übersäten Planeten nur noch eine rötliche Wüste und Ruinen von einst stolzen Bauten und Tempeln vorfindest. Höre, was geschehen ist: Die Bewohner des Planeten Zeboth, einst zwischen Mars und Jupiter gelegen, haben unsere Welt mit Krieg überzogen. Viele Jahre lang warfen ihre Raumschiffe Bomben auf unsere blühenden Städte, weil die Zebother neidisch auf unsere Zivilisation waren. Doch dann fuhr einer unserer Raumfahrer voller Zorn zu ihrem Planeten und warf die allesvernichtende Bombe ab. Ihr Planet explodierte. Seitdem treiben unzählige Trümmerstücke zwischen Mars und Jupiter im Weltraum. Doch unser Planet wurde durch die gewaltige Explosion so in Mitleidenschaft gezogen, daß auch wir fast vollends vernichtet wurden. Unsere Luft wurde vergiftet, alle Tiere und Pflanzen starben, die Städte stürzten ein und begruben die wenigen noch Überlebenden unter sich. Sieh nun die Szenen des schrecklichen Untergangs, kleiner Besucher ..."

Und während die Stimme kurz innehielt, waren auf dem Bildschirm derartig schreckliche Kriegs-Szenen zu sehen, daß Shanti manchmal die Augen schließen mußte vor Entsetzen.

Shanti war übel geworden! So schreckliche Szenen von Krieg und Vernichtung hatte er noch niemals gesehen. Da rief er in den Raum: "Was soll das alles? Warum muß ich mir so entsetzliche Dinge ansehen?" Und sogleich antwortete die Stimme: "Es geschieht zu deiner Warnung, Besucher. Denn einst werden mehr und mehr Raumschiffe von anderen Planeten hierher kommen und in Erfahrung bringen wollen, was hier vor Jahrtausenden geschehen ist. Dann werden sie suchen - und auch finden ..."

"Was werden sie finden?" fragte Zwergle atemlos vor Spannung. "Sie werden allerlei Kriegs-Gerät und gewaltige Bomben finden, die immer noch in den geheimen Lagern tief unter der Oberfläche versteckt sind. Und wer überlegene Waffen findet, der will sie auch benutzen. Daher geben wir diese letzte Botschaft weiter. Sucht nicht nach unseren verbliebenen Waffen, sondern laßt Mars, den Planeten des Kampfes, in Ruhe seine Bahnen ziehen. Einst war Mars die Blume des Sonnensystems, jetzt ist er öde und leer, daher laßt ihn in Frieden ruhen ..."

Während der Erklärungen des großen Bildschirms war in Shanti eine Idee gereift, die seinem Namen alle Ehre machen sollte. Shanti bedeutete ja Frieden, und eine ganz gezielte Friedens-Arbeit würde es sein, all die Kriegsgerätschaften der früheren Mars-Bewohner unschädlich zu machen, zumindest die gefährlichen Bomben zu entschärfen. So fragte er wißbegierig: "Vielleicht kann ich die Bomben unschädlich machen. Ich möchte gerne erfahren, wo sie verborgen sind." Unglaublicherweise gab die Stimme tatsächlich eine Antwort: "Ein großer Teil der Kriegsgeräte und alle Superbomben liegen direkt unter diesem ehmaligen Palast, den du nur noch als Ruine vorfindest, Besucher." Mehr ließ die Stimme nicht verlauten. Auch wurden jetzt keine Bilder von Kämpfen mehr eingespielt, sondern wunderschöne Natur-Aufnahmen, die wohl zeigen sollten, wie schön der Mars einst war, damals, vor dem großen Weltraum-Krieg.

Dann verblaßte der Bildschirm, und das Licht nahm wieder hellblaue Farbe an. Das Türchen nach draußen sprang auf. Es hatte den Anschein, daß die Vorstellung vorbei war. Dennoch wollte das Zwergle noch seine dringendste Frage anbringen: "Ich habe noch eine Frage, bevor ich gehe. Vielleicht kannst du mir weiterhelfen, wer immer du auch bist."
Die Maschine gab zur Antwort: "Bitte frage!"
"Weißt du, was der Satz Aus Zwei mach' Eins bedeutet?"
Da bekam der Bildschirm plötzlich wieder Farbe. Ein sehr seltsames, doch äußerst schönes Muster erschien darauf. Dann war die Stimme wieder zu hören:

"Aus Zwei mach' Eins,
zurück bleibt keins.
Nimm beides in dein Herz,
die Freude und den Schmerz,
den Tag und auch die Nacht,
dann ist es fast vollbracht.
Trenn' Frieden nicht vom Krieg,
dem Eins-Sein winkt der Sieg.
Aus Zwei mach' Eins,
zurück bleibt keins."

Der Bildschirm wurde wieder dunkel. Die Stimme war verstummt. Shanti blieb noch einen Augenblick sitzen, dann stand er auf und ging hinaus in die Mars-Wüste. Dort setzte er sich einfach in den Staub und dachte nach.

'Aus Zwei mach' Eins, zurück bleibt keins ....' was mochte das nun wieder bedeuten? Er mußte sich eingestehen, daß er kaum ein Wort von dem Sinnspruch verstanden hatte. Nur, daß man Frieden nicht vom Krieg trennen sollte. Aber das konnte doch nur völliger Unsinn sein ...? Frieden war schließlich etwas völlig anderes als Krieg. Er mußte doch deutlich vom Krieg getrennt werden. Oder sollte es irgendeine geheime Bedeutung haben, den Krieg und den Frieden nicht als zwei getrennte, gegensätzliche Zustände anzusehen, sondern lediglich als zwei unterschiedliche Erscheinungen von ein- und derselben Sache? So war es jedenfalls mit dem Tag und der Nacht. Es konnte keine Nacht ohne den Tag geben. Und umgedreht! Lag vielleicht die Lösung des Rätsels darin, daß man nicht immer die Unterschiede von zwei verschiedenen Dingen sehen sollte, sondern deren Gemeinsamkeiten?

Aber bei Krieg und Frieden konnte das nicht so sein. Shanti prallte vor seinem eigenen Gedanken zurück. Sollte dieser Gedanke in ihm ein Zufall gewesen sein? Jedoch - trotz des schlimmen Zustandes seines Zwergles-Waldes - ließ er in diesem Moment eine Frage in sich ungeklärt: Wenn das tatsächlich so war, was war dann wirklich und was hatte keine eigene Wirklichkeit? Der Krieg oder der Frieden? Sein Herz traf eine klare Entscheidung, ohne daß es ihm in diesem Moment bewußt wurde ... Shanti ahnte in diesem Moment nicht, daß er sich mit diesen Gedanken ganz allmählich der Lösung des großen Rätsels näherte ...

Schließlich konnte er nicht mehr weiterdenken. Durch sein Denken alleine würde er so ein Problem auch nicht lösen können. Jetzt wollte Shanti erst einmal ein ganz anderes Problem lösen, nämlich das der Bomben. Er ging aufmerksam um die riesigen Trümmer herum und untersuchte, ob sich hier nicht ein Zugang zu den unterirdischen Lagerhallen der Bomben finden würde. Und schon nach kurzer Zeit hatte er Erfolg. Da führte ein kleiner Spalt zwischen einigen Brocken schräg in die Tiefe hinab. Die Öffnung war gerade so groß, daß ein Zwergle im Weltraum-Anzug hindurchschlüpfen konnte. Shanti ging vorsichtig ein paar Schritte in den dunklen Gang hinein, schaltete seine Taschenlampe ein und versuchte in ihrem Lichtstrahl zu erkennen, wohin der Spalt führte. Jetzt erst verstand er die Warnung seines Anzugs, sich besser von den Ruinen fernzuhalten, denn überall fielen nun kleine Steine und Brocken herab, die sich von der Decke lösten. Manche waren groß genug, ihn trotz des Schutzanzugs zu verletzen, wenn sie ihm auf den Kopf fallen würden. Das ganze zerfallene Gebäude schien also noch in Bewegung zu sein. Shanti wagte es trotzdem! Langsam und vorsichtig stieg er in die Tiefe. Der Abstieg war unheimlich und beschwerlich, denn immer wieder lagen große Trümmer auf dem Weg, die umgangen oder sogar überstiegen werden mußten. Auch reichte der Schein der Taschenlampe kaum aus, um den Gang ausreichend zu erhellen. So ergaben sich ständig seltsame Schatten-Effekte, die eine klare Sicht behinderten und die unheimliche Atmosphäre schufen. Nach einiger Zeit öffnete sich der schmale, verfallene Gang zu einer riesigen unterirdischen Höhle. Und was Shanti hier zu sehen bekam, das ließ ihn erstarren.

Die ganze Höhlung war angefüllt von waffenstarrenden Kriegs-Maschinen, Panzern und Kampf-Raumschiffen. Daneben lag ein großer Haufen von seltsamen länglichen Gebilden. Ohne jeden Zweifel, das waren die Super-Bomben, die einen ganzen Planeten zu zerstören vermochten.

Mit sehr gemischten Gefühlen stieg Shanti in die Höhle hinein. Hier konnte er sogar besser sehen als in dem düsteren Gang, denn von oben fiel von irgendwoher Licht in die Höhle. Sogar die Decke war hier also schon eingestürzt!

Über der ganzen Waffen-Höhle lag der eiskalte Hauch des Todes. Wieviel Leid und Elend konnte mit diesen Maschinen und Bomben erzeugt werden ...! Unvorstellbar, daß Wesen dieser Schöpfung überhaupt so etwas Grausames erbauen konnten. Doch jetzt war nicht die Zeit, solche Gedanken zuzulassen, jetzt mußte gehandelt werden!

Er wollte gerade sein Zauberschwert ziehen, um in irgendeiner Weise mit dem himmlischen Licht die Waffen zu vernichten, da stolperte er über einen der Trümmer und stürzte zu Boden. Im selben Moment fiel auch noch ein großer Steinbrocken von der Decke und traf eine der Bomben, die sofort laut zu ticken begann.

"Oh weh ..., eine Zeitzünder-Bombe ..." flüsterte Shanti und versuchte aufzustehen, um das tickende Zeitschaltwerk sofort wieder abzuschalten. Doch er hatte sich beim Sturz den Knöchel verstaucht und schaffte es nicht, sich vom Boden zu erheben. Das Ticken der Zeitbombe wurde nun immer lauter, und jetzt begann auch noch ein rotes Lämpchen auf ihrem Oberteil zu blinken, was sicher bedeutete, daß sie jeden Augenblick explodieren mußte.

"Oh nein ..., was soll ich nur tun ..." schrie Shanti in höchster Not, denn er vermochte immer noch nicht aufzustehen. Da kam ihm das Geschenk von Zwergles-Papa in den Sinn, jener kleine, silbrige Stein, den er in höchster Not verwenden durfte. Rasch zog er den Stein hervor, konzentrierte sich auf ihn und rief: "Bordon Elaho Narima!"

Was glaubst du, was nun geschah?

Nicht die Bombe, sondern der Stein schien zu explodieren, jedoch nicht zerstörend, sondern dadurch, daß er sich selbst in einen gleißend hellen Strom aus silbrigem Licht verwandelte. Das Licht schoß auf die Kriegsgeräte zu, nicht nur auf die Zeitbombe, sondern auf alle, und hüllte sie völlig ein.

Shanti war so ergriffen von dieser Verwandlung, daß er zunächst gar nicht bemerkte, daß sogar sein Knöchel von dem silbrigen Licht wieder geheilt worden war. Doch dann spürte er es, stand auf, stellte sich breitbeinig vor all die Kriegs-Gerätschaften hin, die von dem Silber-Licht nun ganz eingehüllt waren, und rief: "Oh silbriges Licht, vernichte all die Schrecklichkeiten, die hier die ferne Vergangenheit überdauert haben."

Es war nicht nur Licht, was jetzt herabkam, es war ein gleißendes Fege-Feuer! Und es fegte die Maschinen und Bomben in Sekundenschnelle hinweg, ohne unser Zwergle mit dieser Flut an Feuer auch nur zu berühren. Das war nicht jenes sanfte Licht, mit dem sonst ein böser Drache verwandelt werden konnte, das war das harte, kraftvolle Licht der radikalen Umwandlung, das der Himmel dann zu Hilfe sandte, wenn bestimmte Dinge umgreifend verändert werden oder sogar ganz und gar verschwinden sollten.

Zurück blieb nur ein Haufen rauchender Asche. Der silbrige Stein allerdings war ebenfalls verschwunden, er hatte seine Arbeit getan.