Meister Reinicke ist ja schon ein Fabeltier mit allerlei seltsamen Verhaltensweisen (siehe z.B. "Der Fuchs und die sauren Trauben"), doch von mystischen, aufregenden Begebenheiten auf Fuchs-Ansitz hört man selten. Hier nun mein durch-und-durch wahrer Bericht von äußerst geheimnisvollen Geräuschen während der Fuchsjagd ...

Der Nachmittag neigt sich der Abenddämmerung zu. Schon sind die Berggipfel in der Umgebung orangerot gefärbt. Nochmal eine Nacht mit minus 25 Grad? Nein, zum Glück tauchen einige Wolken auf. Vielleicht nur minus 10 Grad, aber unangenehm windig. Also gut eingepackt, dickes Stirnband, damit die empfindlichen Ohren nicht frieren, noch 'nen heißen Tee in die Thermosflasche, dann laufe ich in breiten Schneeschuhen die inzwischen einigermaßen festgetretene Spur im Tiefschnee durch unsere Krüppelbirken, die hier auf 900m Höhe in den Fjellen wie gespenstische, vielarmige Trolle in der Dämmerung wirken. Hier ist gerade Baumgrenze. 900 m ist für Norwegen schon Hochgebirge.

'Wir müssen verrückt gewesen sein, ausgerechnet hierher zu ziehen ...' schießt es mir durch den Kopf, doch wenn meine Blicke in die Weite des Hochtals und nach hinten über die tieferliegenden Bergketten wandern, dann fühle ich sofort wieder die mystische Weite der winterlichen Fjelle und werde von tiefer Ruhe erfüllt.
Lange laufen muß ich vom Haus aus nicht, habe ich doch den "Schnee-Luderplatz" in nicht allzuweiter Entfernung angelegt. Ich kann unterwegs noch die Marderfalle kontrollieren und stelle dann nach ca. 15 minütigem Trampeln mit breiten Schneeschuhen meinen Sitz-Rucksack in die festgetretene Kuhle, von wo aus ich den Hang beobachten kann, auf welchem Meister Reinicke heute hoffentlich in den unüberriechbar duftenden Resten eines Räucherfisches wühlt.
Ich setze mich bequem hin, schließe die dicke Jacke, ziehe das Stirnband fest lege die Remington 700 und das Fernglas griffbereit und beginne zu warten.
'Mist, der Wind pfeift immer unangenehmer ... hätte ich nur eine Zipfelmütze mitgenommen ...'
Meine Ohren werden trotz dickem Stirnband kalt, so stelle ich den Kragen der Jacke so hoch wie möglich, was natürlich auf Kosten der Hörmöglichkeiten geht.
Ich beobachte mit dem Glas den Hang. Nichts regt sich, obwohl die Spur von gestern war, also müßte doch heute noch ein roter Geselle auftauchen.
'Hmmm ... bei diesem Wind wird er sich's 2x überlegen ...' denke ich und will schon wieder aufbrechen, da plötzlich höre ich seltsame Geräuche.
Ich sitze ganz still und lausche ...
Da ... wieder ... fast wie ein leises Määäh eines heißeren kleinen Schafs ...
Ein großes Fragezeichen taucht in mir auf?
Schafe sind in dieser Jahreszeit niemals draußen ... hat der Fuchs etwa ein Lamm aus einem der weiter weg gelegenen Gehöfte geklaut und schleppt es nun - noch lebend - durch den Tiefschnee?
Das kann es doch nicht geben...
Ich beobachte angestrengt den Hang ... nichts ...
Da, wieder ein leises, quorrendes "Määäähhhh...."
'Schafe klingen anders.... was ist das nur ..?????'
Das innere Fragezeichen wird größer und größer, dachte ich doch, in unserer Gegend wären mir die Geräusche der Natur langsam bekannt. Nun, man lernt nie aus ...
Ich versuche das Geräusch zu analysieren ... erst mit dem Verstand ... dann mit der Intuition ... nichts ... ich komme nicht dahinter ... obwohl es immer wieder spontan auftaucht, sogar in unterschiedlichen Lautstärken und ganz offensichtlich aus verschiedenen Richtungen, was ich aber nicht genau feststellen kann, da meine Ohren zu gut verpackt sind.
Vor ein paar Wochen war hier ein einzelner Wolf entlanggezogen.
Hmmm ... hat ein Wolf ein Lamm gerissen und lebend verschleppt?
Machen Wölfe aber nicht ... und der Angstschrei eines Lamms klingt auch anders ...
Dennoch stehe ich auf, mache mit dem Fernglas einen langsamen Rundumblick, denn von einem hungrigen Wolf möchte ich nicht überrascht werden, ob er nun ein Lamm im Fang hat oder nicht ...
Stehend vermag ich kein Geräusch mehr zu vernehmen.
Hat das Tier mich gesehen oder gerochen und ist nun verstummt?
Ich setze mich wieder.
Und kaum sitze ich, ist's sofort wieder da, ein langgezogenes, tiefes, gequältes "Mmmäääääähhhh ..."
Nein ! Ein Schaf klingt nicht so. Und irgendwie ist's auch ganz nah ...
Aber ich habe doch nichts gesehen ...
'Sollte es ein Troll sein? Endlich eine Begegnung mit einem echten Bergtroll? Mann, das wäre ja wunderbar, dann sind all die nordischen Stories doch mehr als bloße Mythen...'
Doch meine Begeisterung für Mystik und nordische Sagen wird gedämpft.
Einige "Määhhs" sind noch zu hören, aber ein Troll erscheint nicht.
Jetzt will ich's aber genau wissen.
In Gedanken gehe ich alle Tiere durch, die ähnliche Geräusche verursachen können. Doch fast alle annähernd annehmbaren Erklärungsmöglichkeiten scheitern an der Tatsache, daß es tiefster Winter ist, keine Vögel in der Luft fliegen (eine nordische Winter-Bekassine, die ich als "Himmels-Schaf" hätte umklassifizieren können, gibt's beim besten Willen nicht), und das Geräusch trotz offenbarer Ortsveränderung doch relativ konstant kommt.
Ich beschließe abzubrechen und will noch ein wenig in der Gegend herumwandern, um das Rätsel aufklären zu können. Ein Fuchs kommt heute sowieso nicht mehr.
Als ich mich zum Rucksack beuge, um den Weitstrahler herauszukramen, drückt mich plötzlich mein Bauch - und es macht sehr laut "Meeeehhh".
Und durch die gekrümmte Haltung ist nun auch die Herkunft des mystischen Geräusches eindeutig geklärt. Mein eigener Bauch: Es hatte zu Mittag Bohnen gegeben!