6. Kapitel:
Im Labyrinth von Atlantis
Als Dharishan, der letzte der wahrhaft eingeweihten Hohepriester von Atlantis auf dem Totenbett lag, wußte er, daß die Tage des großen Reiches gezählt waren. Seit Urzeiten hing die Macht des Königsgeschlechtes von den weißmagischen Fähigkeiten der Hohepriester ab, welche die eigentlichen Herrscher über Atlantis waren. Durch die extrem harten Schulungen der mystischen Einweihungs-Tempel geläutert, hatten die Priester bisher ein außergewöhnlich kraftvolles und dynamisches Reich in großer Reinheit erschaffen, welches dazu diente, im Menschen der Frühzeit Emotionen zu festigen und in ihm die ersten Stufen des individuellen EGO zu erwecken. Um dies zu verstehen, muß man bedenken, daß die meisten menschlichen Wesen zu jener atlantischen Epoche nicht viel mehr als zweibeinige Herdentiere waren, die den Anordnungen der Herrschenden widerspruchslos Folge leisteten, nicht etwa, weil sie bewußt mit deren Befehlen einverstanden waren, sondern weil sie noch nicht Widerspruch leisten konnten, ihr Individualbewußtsein war noch nicht soweit erwacht, um sich aus den steuernden Netzen der Gruppenseele zu lösen, welche - verkörpert im jeweiligen Hohepriester und König - das Kollektiv-Schicksal des Reiches steuerte. Der durchschnittliche Atlanter mußte nun genau das entwickeln, was der heutige Mensch wieder transformieren und weiterentwickeln muß: Individuelles Ich-Bewußtsein und emotionales Gewahrwerden.
Leider waren Dharishans potentielle Nachfolger weichlich und schwach. Sie hatten nicht die vollen Einweihungs-Riten durchlaufen, die zum Priesteramt nötig gewesen wären, weil sie zu faul und zu bequem waren und noch dazu in ständige Rivalenkämpfe untereinander verwickelt waren. Und doch mußte Dharishan ihnen die Lehrbefugnis erteilen, da es einfach niemand anderen gab. Mit seinem geöffneten dritten Auge, dem inneren Blick, sah Dharishan die Zukunft des strahlenden Reiches Atlantis vom düsteren Nebel des Untergangs umwoben. Die Rivalenkämpfe der Priesterschaft würde die Verweichlichung und den spirituellen Niedergang des Königshauses mit sich ziehen. Die große magische Macht der Priester würde nicht mehr im göttlichen Sinne zur Förderung der menschlichen Evolution verwendet werden, sondern zur persönlichen Bereicherung und Genugtuung der herrschenden Klasse, und natürlich auch, um sich gegenseitig zu bekämpfen. Dharishan spürte, daß dies die Geburtsstunde einer schwarzen Magie war, denn geistige Macht, die nicht im höheren Sinne verwendet wurde, sondern zu persönlichen Vorteilen und egoistischen Kämpfen untereinander, mußte stets gegen diejenigen zurückschlagen, die sie in die Welt setzten. Es war ein schwarzer, dunkler Weg, auf den Atlantis sich begeben würde. Ein Pfad, der in den Abgrund der Zerstörung führen mußte.
Die Macht von Atlantis beruhte unter anderem auf dem Wissen um ein magisches Wort mit extremer Macht. Mit diesem Wort konnte der Stein der Macht aktiviert werden, welcher widerum den Willen des jeweiligen Magiers manifestierte. Der Stein der Macht war ein etwa faustgroßer Lapislazuli, der mit gewaltigen magischen Kräften aufgeladen war. Gleich einem geladenen Hochspannungs-Kondensator, der entladen wird, vermochte der Stein der Macht all seine magische Energie ebenfalls freizugeben, wenn das geheime Wort auf ihn gerichtet ausgesprochen wurde. Dabei handelte es sich um keine schlagartige Freisetzung der magischen Kräfte, sondern um eine langandauernde, jedoch ungemein intensive Aktivierung des jeweiligen menschlichen Magie. Diese ungeheuren Energien durften niemandem zur Verfügung stehen, der nicht die vollen Einweihungen durchlaufen hatte.
So war Dharishan der erste Hohepriester von Atlantis, der auf dem Totenbett seinem direkten Nachfolger Argorath nicht das geheime Wort mitteilte, das die absolute Macht in sich beherbergte. Dharishan wußte, daß das magische Wort somit für immer - oder zumindest für sehr lange Zeit - verloren war, doch dies war besser, als den sich abzeichnenden Untergang von Atlantis noch durch Mißbrauch dieses einen Wortes zu potenzieren. Ein Mißbrauch des Wortes der Macht zusammen mit dem Stein der Macht könnte möglicherweise den Untergang der ganzen Erde herbeiführen. So nahm Dharishan das große Geheimnis um die absolute Macht mit in sein Grab, hoffend, daß eines Tages ein wahrer Wissender das geheime Wort wieder von den höheren Mächten mitgeteilt bekommen würde und somit in der Lage war, den Lapislazuli der Macht zu aktivieren und im Sinne des Göttlichen Planes zu gebrauchen.
***
Es war ein Fallen durch einen schier endlosen Tunnel.
Unwillkürlich mußte ich an Aufzeichnungen von Sterbe-Erlebnissen klinisch toter Menschen denken, die nach ihrer Reanimation ebenfalls von Fahrten und Stürzen durch endlose Tunnels berichteten. Doch jene Übergänge in Todesnähe verliefen wahrscheinlich unbewußt, da der Sterbende automatisch von derjenigen inneren Bewußtseins-Ebene angezogen wurde, der er im Augenblick seines Todes am nächsten stand. Er hatte keine Chance, bewußt den Sturz zu lenken, besondern nicht, wenn er sich zeitlebens nicht um seine innere Entwicklung gekümmert hatte und nun dem Jenseits völlig unvorbereitet gegenübertreten mußte. Mein Sturz jedoch hatte ein ganz bestimmtes Ziel: Atlantis. Durch den Willen Kansai-Khans bzw. des grünen Hüters auf die Reise geschickt, war das Ende meiner seltsamen Reise quasi vorprogrammiert. Und so konnte ich ohne jede Angst oder Unsicherheit meinen Flug durch die Unendlichkeit bewußt erleben.
War anfangs das Gefühl des Fallens durch eine dunkle Röhre noch dominierend gewesen, so hatte ich jetzt eher den Eindruck, als wenn sich unendlich viele wunderbare Farbmuster in einer Art Kaleidoskop um mich herum drehen würden, um mich in sich hineinzusaugen.
Die Eindrücke und Farbspiele waren einerseits ungemein fremdartig, denn sie konnten mit keinen Sinneserfahrungen der materiellen Welt verglichen werden, andererseits waren sie zur gleichen Zeit sehr, sehr persönlich und auf intime Weise bekannt, denn schließlich entsprangen sie den Tiefen des eigenen Bewußtseins. Da ich während der ganzen Reise völlig klar denken konnte, fragte ich mich spontan, ob nun wirklich mein ganzer stofflicher Körper in die Zeit des Atlantis transferiert wurde, oder ob der Sturz eine reine Bewußtseins-Reise war, etwa in der Form, wie sie uns Ailon bei der Schilderung seiner Einweihungs-Stufen beschrieben hatte. Doch eigentlich spielte es auch gar keine Rolle, wußte ich doch aus der yogischen Erfahrung heraus, daß man auch im (nach irdischen Begriffen) immaterielen Zustand durchaus handlungsfähig war, wenn man sich in einer anderen Sphäre befand und den dort nötigen Träger-Körper für das Bewußtsein bereits hinreichend entwickelt hatte. Ein materieller Körper wäre in einer immateriellen Ebene sowieso ein Absurdum gewesen. Doch ich spürte, daß ich die Zustände materiell und immateriell jetzt nicht mehr trennen durfte. Er kam auf das Ergebnis an. Das zählte! Eine Trennung von Materie und Bewußtsein war eigentlich nur eine der vielen Hilfs-Illusionen des Verstandes, um überhaupt etwas begreifen zu können. Sogar die immer noch äußerlich orientierten Naturwissenschaften ahnten inzwischen, daß jene sogenannte feste Materie letztlich nur ein spezieller Aggregats-Zustand an Energie war, der uns Menschen nur deshalb fest vorkam, weil wir dieselbe Dichte an körperlichem Zustand hatten. In Wirklichkeit bestand das sogenannte Feststoffliche zum Großteil aus leerem Raum und war - im Gegensatz zur Dichte im Inneren von Neutronensternen beispielsweise - nahezu verflüchtigend unbeständig.
Meine Überlegungen wurden nun in den Hintergrund gedrängt, als ich irgendwie das Gefühl hatte, daß die Reise langsamer wurde.
Die Farbenpracht ließ nach, Nebel wurde bemerkbar, ein milchiger Schleier zog sich über alles. Dann spürte ich eine Art elektrischen Schlag, der sich durch alle meine Nerven zog. Ich schloß die Augen, und es wurde kurz dunkel um mich.
Als ich die Augen wieder öffnete, dachte ich an den berühmten Londoner Nebel, denn um mich herum lag eine dichte Milchsuppe. Mit den Augen konnte ich gerade etwa fünf Meter weit sehen und bemerkte, daß ich auf einem steinernen Weg lag, den man in Deutschland vielleicht als uraltes Kopfsteinpflaster bezeichnet hätte. Seltsames Gras und Moos wucherte aus den Ritzen. Auf dieser Straße war schon lange kein regelmäßiger Verkehr mehr zugange.
Ich erhob mich und schnupperte prüfend die Luft. Einerseits schien sie sauerstoffreich und frisch, bar jeder zivilisatorischen Verschmutzung der Industrie, andererseits war sie doch auf irgendeine nicht sofort greifbare Weise verschmutzt. Als ich mich darauf konzentrierte, schoß mir sofort das Bild einer unendlich degenerierten und verweichlichten Gesellschaft in den Kopf. Ich visualisierte eine Schar in Trägheit dahinvegetierender menschlicher Wesen, die irgendwo in einem halb verfallenen Palast in den Überbleibseln von früherem Prunk herumlungerten. Dazwischen waren in diesem inneren Bild seltsame, schwarzgekleidete Düsterlinge zu erkennen, die deutlich immense Macht innehatten und sich vampirhaft an der Lebenskraft der trägen Masse bereicherte. Die Düsteren kamen mir vor wie völlig verkommene, ehemalige Priester, die mit ihrer dunklen Ausstrahlung die gesamte Atmosphäre vergifteten und mit einem üblen, machthungrig-magischen Netzwerk durchsetzten. Diese Vision vermischte sich nun mit Erinnerungen an Ailons Bericht über seine Zeit als Pater Gregorius bei der Inquisition.
"Mein Gott!" flüsterie ich zu mir selbst, warum müssen die Priester zu allen Zeiten die ihnen anvertraute Geistigkeit immer derartig mißbrauchen ? In allen Epochen der Menschheitsgeschichte ist das scheinbar dasselbe ..."
Obwohl ich nur eine Vision gesehen hatte, war mir der Grund für die seltsame energetische Verschmutzung der sowieso schon neblig-trüben Luft nun deutlich klar geworden. Neben der niedergegangenen Moral weiter Kreise hatten auch schwarzmagische Praktiken dem Land und der Atmosphäre übel mitgespielt. Und man wußte ja aus den Aufzeichnungen mancher mystischer Bewegungen, beispielsweise aus der Rosenkreuzer-Literatur, daß der Untergang der atlantischen Epoche unter anderem durch destruktive magische Praktiken der herrschenden Klasse verursacht worden war. Da mich Kansai-Khan nach eigenen Angaben in die Endzeit des Atlantis versetzt hatte, war ich also genau in dieser Phase des Mißbrauchs okkulter Kräfte 'gelandet'.
Da wird mir was bevorstehen ..." flüsterte ich im Selbstgespräch, und setzte mich vorsichtig in Bewegung, um der verfallenen Straße in eine Richtung zu folgen, in der ich intuitiv eine Stadt vermutete.
Schon rasch entwickelte sich in mir eine ganz andere Art des Zurechtfindens in dieser nebligen Epoche, in der das Sonnenlicht innerlich und äußerlich noch nicht so recht den Weg zu den meisten Menschen gefunden zu haben schien. Ich war nicht mehr so sehr auf die Sinnes-Meldungen der Augen angewiesen, ich erhielt viel mehr eine sehr treffsichere Intuition darüber, wo sich was befand. Und dies schien - nach Aussage der mystischen Literatur, die ich über Altantis gelesen hatte - ein allgemeines Kennzeichen der atlantischen Epoche zu sein. Die Menschen hatten einen schien unglaublichen Instinkt und eine immense Intuition, die jedoch noch nicht bewußt waren, sondern den einzelnen Wesen ständig ein Eingebettetsein in eine übergreifende, steuernde Gesamtheit vermittelte; so in etwa war der momentane Entwicklungsgrad des Atlantis in esoterischer Literatur bezeichnet worden. Man könnte diesen Zustand mit einem Ameisenhaufen vergleichen, wo die einzelnen Tierchen auch nicht bewußt realisierten, was sie eigentlich gerade taten bzw. wo sie sich aufhielten. Und doch funktionierte alles perfekt, weil die Tiere von einer übergeordneten Gruppenseele gesteuert wurden. Die Menschheit hatte in dieser atlantischen Zeit also den Sprung zur Individualität zu lernen, was automatischerweise mit einer deutlichen Entwicklung des EGO und des Macht-Triebes verbunden war. Unsere Epoche der Jetzt-Zeit mußte somit dazu dienen, im Menschen jenen EGO- und Macht-Trieb wieder in bewußte Hingabe an den Schöpfer zu verwandeln, sprich, die verstandesorientierte Trennung vom All-Sein durch einen Zustand des bewußten Einsseins zu vertauschen.
Nun, wie dem auch war, jedenfalls konnte ich mich jetzt in der Atlantis-Epoche einer sprunghaft gestiegenen Intuition erfreuen, ohne dabei mein klares Urteilsvermögen zu verlieren, was in meiner Lage natürlich von großem Vorteil war.
Vorsichtig wanderte ich den bemoosten Weg entlang und wunderte mich etwas über die eigentümliche Stille, die über dem ganzen Land lag. Die gewohnten Geräusche der Heimat fehlten völlig, nicht einmal Vogelzwitschern war zu hören. Statt dessen kam aus weiter Ferne ein äußerst seltsames Rumpeln und Rumoren. Es war nur sehr leise, eigentlich eher zu ahnen als zu hören, doch hatte ich ein Gefühl, daß es aus dem Inneren der Erde kam. Es war, als wenn die Erde unter der schweren Last der düsteren, schwarzmagischen Atmosphäre stöhnen würde.
Kansai-Khan hatte mir zwar zum Abschied versichert, er würde zu Allah beten, daß mir auf dieser Zeitreise nichts geschehen würde, doch etwas mulmig war mir schon zumute, als ich mich in der nebligen Trübe durch ein Land bewegte, das es nach Maßstäben des denkenden Verstandes seit Tausenden von Jahren nicht mehr gab. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
'Da sieht man, wie sehr unsere moderne Wissenschaft sich an Definitionen hängt, die einfach nicht stimmen. Eine vergangene Zeit ist wahrscheinlich nicht einfach vorbei im absoluten Sinne ...' dachte ich, um diesen Dingen im Geiste etwas nachzugehen, ' ...sondern existiert jeweils parallel zu unzähligen anderen Zeit-Ebenen, die jeweils für einen bewußt Suchenden Realität annehmen können, wie es nun in meinem Falle eingetreten ist. Da sieht man man, wie vernetzt, verwoben und unglaublich relativ alle Existenz ist. Der Mensch baut sich ständig Hilfskonstruktionen mit seinem begrenzten Denken auf, glaubt, irgendwelche Erkenntnisse gefunden zu haben, und entfernt sich gerade dadurch meilenweit von der Wirklichkeit, die in viel komplexerem Umfang liegt. Wie schwer haben wir Menschen es doch, aus dieser erdrückenden Ummantelung herauszukommen. Nur durch direkte Hilfe von oben scheint dieser Vorgang der Löslösung von den alten Vorstellungen überhaupt gelingen zu können, wie ja Ailons Berichte gezeigt haben ...' Nachdem ich eine Zeitlang auf der ominösen Straße gewandert war, wurden plötzlich die Umrisse einiger Ruinen am Wegrand sichtbar. Ich näherte mich den verfallenen Gebäuden und wurde plötzlich von einem warnenden Gefühl ergriffen. Irgendetwas war hier nicht in Ordnung. Vorsichtig ging ich in die Ruinen hinein und stieg über herumliegende, bemooste Gebäudeteile hinweg, bis ich in eine Art Innenhof gelangte, der entfernt an das Atrium eines altrömischen Hauses erinnerte. Das ungute Gefühl verstärkte sich, ja, wuchs sogar zu einem richtigen Grauen, als ich mich der zentralen Stelle dieses Innenhofes näherte, die einst wahrscheinlich als Feuerstelle genutzt worden war. Überall lagen Überreste von Opfer-Ritualen herun, die einst wohl hier durchgeführt worden sein mußten: Skelett-Teile, sichtlich nicht nur von Tieren, verrostete Dolche, zerbrochene Opferschalen mit allerlei magischen Symbolen und andere halbzerstörte Kult-Utensilien, die die unheimliche Ausstrahlung noch potenzierten. Das Entsetzen in mir steigerte sich urplötzlich so sehr, daß ich es, trotz aller Willens-Anstrengung, nicht mehr in den Trümmern aushielt und vor panischem Entsetzen getrieben davonlief. Wild stolperte ich über ausgetretene Stufen, moosbewachsene Steine und umgestürzte Bäume, immer nur mit dem einen alles beherrschenden Gedanken: 'Weg von diesem unheimlichen Ort'! Ich rannte so lange, bis das eisige Grauen langsam nachlies und ich mich total erschöpft, vollkommen außer Atem, an einen Felsen lehnen mußte, um hastig nach Luft zu schnappen. Kaum konnte ich den Brechreiz in meinem Magen unterbinden.
Mir war der kalte Schweiß ausgebrochen, und so setzte ich mich erst einmal keuchend auf einen Stein, um mein wild pochendes Herz zur Ruhe kommen zu lassen. Was war das nur ? Es war wie der Angriff einer schwarz-magischen Macht, der es nicht angenehm war, daß ich mich in den Trümmern umsehen wollte. Ich erinnerte mich an Ailons Berichte von seiner Einweihung und an die langen Belehrungen des Smaragd-Hüters: Durch völlige Hingabe und möglichst hohe Reinheit könne jede noch so dunkle Kraft besiegt werden. So konzentrierte ich mich nun darauf, bei einem eventuellen neuerlichen Angriff all meine Gedanken voll auf Gott zu konzentrieren, um dadurch gegen okkulte Beeinflussungen gefeit zu sein.
Nachdem ich mich eine Zeitlang ausgeruht hatte, setzte ich mich wieder in Bewegung und wanderte auf der alten Straße in die Richtung weiter, wo ich intuitiv die alte Königsstadt vermutete und wo irgendwo der Stein der Macht verborgen sein sollte.
Es war eine unheimliche Landschaft, durch die ich kam. Links und rechts des Weges lagen, soweit die geringe optische Sicht erkennen ließ, in regelmäßigen Abständen Trümmer und Klötze großer, teils sogar monströser Bauwerke, deren ursprüngliche Bestimmung aus nichts zu erkennen war. Meine Intuition riet mir, nicht noch einmal ein solches Ruinenfeld zu betreten, da es für meinen Auftrag bedeutungslos sei, doch meine Neugierde trieb mich natürlich immer wieder in die Nähe dieser verfallenen Bauwerke, die seit ihrem Zusammensturz mit allerlei seltsamen, teil weise eklig anzusehenden Pflanzen bewachsen wurden, von dem allgegenwärtigen Moos einmal ganz abgesehen. Ein weiteres, nicht weniger unheimliches Phänomen war der dichte Nebel, bei welchem es sich nicht um eine homogene 'Milchsuppe' handelte, sondern um etwas, das in irgendeiner Form lebte. Es war ein ständiges Durcheinander von sehr dichten und weniger dichten Schwaden, die dauernd ihre Form veränderten und teilweise richtige Gesichtszüge annahmen. Einige dieser nebulösen Gesichter kamen, hämisch grinsend - wie ich zu erkennen glaubte, auf mich zugeweht und versuchten mir ebenfalls Panik-Gefühle einzujagen. Ihre Impulse waren jedoch deutlich schwächer, als bei dem massiven Angriff von vorhin. Als ich so durch diese rundum bedrohliche Landschaft zog, fühlte ich mich ein wenig wie der sagenhafte Odysseus auf seinem Weg ins Land der Toten. Homers Odyssée berichtet, daß der 'Listenreiche' im Vorfeld des Hades ebenfalls mit allerlei schattenhaften Wesenheiten konfrontiert worden war, die sich ihm als die Bewußtseins-Inhalte Verstorbener vorgestellt hatten.
Mir wurde nun bewußt, daß sich meine Gedanken ständig an irgendwelchen anderen Dingen festhielten, als ob mein Verstand eine unbewußte Scheu entwickeln würde, sich mit Atlantis intensiv zu beschäftigen. Nun, das mochte eine Schutzreaktion sein, um nicht von der Trostlosigkeit der Umgebung angesteckt zu werden, das mochte aber auch der Auftakt eines neuerlichen Angriffs sein, der darauf abzielte, mir die Konzentration zu rauben. Ich beschloß auf alle Fälle, wachsam zu bleiben ...
Nachdem ich eine Zeitlang weitermarschiert war, häuften sich die Ruinen am Wegrand; riesige, bemooste Steine, deren ursprünglicher Sinn immer noch nicht zu erkennen war, was wohl darauf hindeutete, daß ich mich einer größeren Siedlung näherte. War ich vielleicht schon bei der Königsstadt angekommen ? Diesen Gedanken vermochte ich allerdings nicht mehr weiterzuverfolgen, denn ich spürte einen scharfen, stechenden Schmerz in der Seite. Mit einem Aufschrei faßte ich mir an die schmerzende Stelle und konnte gerade noch erkennen, daß ich von einem kleinen Pfeil getroffen worden war, von der Sorte, wie sie Buschmänner manchmal für Blasrohre verwenden und - die meist vergiftet waren. Dann schwanden mir auch schon die Sinne und ich sank ohnmächtig zu Boden.
Ich kam wieder zu mir, weil mir heftige Schmerzen durch den ganzen Körper jagten. "Aaaaggglll ....aaaauuuu ..." schrie ich so laut ich konnte, denn ich war an den Handgelenken mit dicken Stricken hinter ein Gefährt gebunden, das auf den ersten Blick entfernt an einen altrömischen Pferde-Wagen erinnerte. Und dieser Streitwagen war gerade losgefahren und schleifte mich hinter sich her. Vor Schmerz brüllend versuchte ich aufzustehen, um mir all die Schürfungen und Prellungen zu ersparen, die diese brutale Prozedur mit sich brachte, doch es gelang mir nicht, da der Wagen die Straße verlassen hatte und über holperiges Gelände fuhr. Zum Glück nicht allzu schnell, was mir wohl Knochenbrüche ersparte. Immer wieder spontan um Hilfe und Gnade schreiend, mußte ich erdulden, wie ich eine Zeitlang durch den Dreck gezogen wurde. Dann hielt die Fahrt plötzlich an. Einige dunkel gekleidete Gestalten traten auf mich zu. Erst jetzt konnte ich meine Gegner erkennen, und mir stockte der Atem, so grausam und kalt waren ihre Gesichtszüge. Eigentlich konnte man ihr Antlitz gar nicht mehr menschlich nennen, so sehr strahlte es tierische Brutalität und Machtgier aus, gleichzeitig aber auch blinden Gehorsam den Mächtigen gegenüber. Ich hatte es hier mit steuerbaren, emotionslosen Kampfmaschinen zu tun.