Wer kennt nicht das Gefühl, der heutigen Weltlage hoffnungslos ausgeliefert zu sein?
Toni, ein Jugendlicher dieser Zeit und dieser Zivilisation, steht kurz davor, an der momentanen trostlosen Welt-Situation zu verzweifeln und finden weder einen Sinn im eigenen Leben, noch in der Existenz dieses Planeten.
Erfüllt von unsagbarer innerer Leere flieht er eines nachts aus seinem Elternhaus, wo er seit langem keinen Halt mehr finden konnte. Ein Fernfahrer berichtet ihm unterwegs vom isländischen Mythos der Gruft des Darotschin, wonach der jugendliche Ausreißer alles daran setzt, nach Island zu gelangen, das ihn seitdem mystisch anzieht.
Unter eigenartigen Umständen gelangt er tatsächlich auf diese Vulkan-Insel im nördlichen Atlantik. Dort schließt er sich einer geheimnisvollen Expedition an, die in einem abgelegenen Hochtal des angeblich völlig menschenleeren Landesinneren ausgerechnet nach jener Gruft des Darotschin sucht.
Als einziges Mitglied der Expeition, gelingt es Toni, sich der Gruft tatsächlich zu nähern, wobei er auf nahezu unglaubliche Geheimnisse stößt, die der Welt bisher bewußt verborgen gehalten wurden, und Zusammenhänge erkennt, die sein bisheriges Weltbild zusammenstürzen lassen und in ihm ein tiefes Verständnis der Realität, sowie einen erfüllenden und umfassenden Lebenssinn entstehen lassen.
Mit dieser Romanerzählung führt der Fürther Autor und Komponist Hans Peter Neuber den Leser sowohl in eine geheimnisvolle Welt uralter Mysterien, als auch zu einem erschreckenden Aspekt der Machtbesessenheit von heutiger Politik und Industrie, wo vor erschreckenden und schöpfungsgefährdenden Experimenten kein Halt mehr gemacht wird. Ein hochaktueller Roman voller aufrüttelnder Themen, voller tiefer Symbole und fantasiereicher Geschehnisse.
Das Schicksal dieser Welt ist wie ein Ei!
Siehe, in einem Ei entwickelt sich - unbemerkt von außen -
ganz langsam neues Leben: ein Küken.
Doch plötzlich bricht die Schale entzwei und das Neue hervor!
Auf diese Weise, mein Freund, entwickelt sich der ganze Kosmos.
Die Vorbereitungen dauern lange,
doch dann wird das Neue so plötzlich und unerwartet kommen
wie ein Dieb in der Nacht.
Dann wird das Licht der Wandlung hervorbrechen
und verbrennen alle Düsternis aus Erden!
***
Wenn Du Dich nun fragst,
warum diese ganze Welt existiert
und welcher Sinn ihr innewohnt,
dann sage ich Dir,
daß sie nur für Dich existiert,
damit Du ihr
einen Sinn geben kannst!
Darotschin, die Weisheit ( ...)
Irgendwo in einem Villenvorort von Oslo tagte etwa zu dem Zeitpunkt, als Toni bereits per LKW nach Norden fuhr, ein Gremium, von dessen Existenz in der Öffentlichkeit - außer einigen vagen Gerüchten - nichts bekannt war. Nur einige sehr ausgewählte Menschen, zumeist selbst Mitglieder dieses Gremiums, wußten darum, wußten um die Ungeheuerlichkeiten, die dort geplant und zur Ausführung vorbereitet wurden. Die Örtlichkeit war ein düsterer Kellerraum eines einsam auf einem kleinen Hügel stehenden Herrenhauses, düster nicht einmal wegen mangelndem Licht, denn der Raum war mit seltsam grellen Licht erleuchtet, düster vor allem durch seine üble Atmosphäre, die dort vorherrschte und jedem normalen Menschen wohl den Geist vergiftet hätte. Doch die hier versammelten Menschen waren nicht als normal einzustufen, schon allein deshalb, weil sie sich selbst durch ihre Ansprüche als etwas Besseres sahen, als der Rest der Menschheit. Sie hielten sich per eigener Definition für Auserwählte, auserwählt, die Welt wie an Marionettenfäden zu beherrschen und zu kontrollieren. Dieses Gremium bestand somit aus den wahren Machthabern im Hintergrund der Welt-Politik, im Hintergrund von Staaten und Kirchen, im Hintergrund von Industrie und Wirtschaft: es bestand aus den wahren Besitzenden der Geld-Macht unseres Planeten, die seltenst öffentlich in Erscheinung traten, ja meistens nicht einmal in den offiziellen Führungs-Spitzen der großen Banken vertreten waren. Doch ein Wink von einem dieser Männer (es handelte sich ausschließlich um Männer) genügte, um einen politischen Machthaber dieser Erde zu stürzen oder aufzubauen, genügte, um irgendeinen Krieg zu entfesseln, genügte, um aus wohlkalkulierten Gründen Seuchen und Krankheiten in die Welt zu setzen, und genügte, um die öffentliche Meinung auf der ganzen Welt gegen oder für etwas zu dirigieren, denn die meinungsbildende Institutionen (von Printmedien bis zum Fernsehen) waren weltweit in festen Händen dieses Gremiums bzw. seiner Gefolgsleute und Helfer. Es soll an dieser Stelle (noch) nicht erörtert werden, ob auch diese Spitzen-Leute nur Marionetten einer noch viel umfassenderen Macht waren, oder ob sie nur des Reichtums und der Macht wegen ihre Pläne bedachten. Tatsache ist jedoch, daß das Gremium im Begriff war, eine bisher nie dagewesene Ungeheuerlichkeit zu planen, deren Durchführung die inneren Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen ein für allemal unterbinden würde.
In jenem düsteren, völlig abgeschirmten Raum unter der nordischen Villa saßen nun neunzehn Männer um einen schwarz lackierten Tisch aus Eichenholz herum, und beendeten gerade eine Art einleitende Konzentration, die wohl dazu dienen sollte, diesen Raum auch gegen eventuelle telepathische bzw. okkulte Belauschungen abzuschirmen.
Ein Norweger erhob nun seine Stimme. Die breite Hornbrille auf der breiten Nase, das Jägerwams ordentlich um den viel zu dicken Bauch gespannt, bot er mit seinen stechenden Augen ein Bild der durchdringenden Boshaftigkeit. "Meine Herren," begann er die einleitende Rede, "wir haben uns heute aus aktuellem Grund hier in meiner Heimatstadt Oslo versammelt, denn unsere nächste Aktion wird in Skandinavien stattfinden, in Island. Wir Ihnen bekannt ist, hat die Abteilung 'mystische Forschung' der Universität Oslo jene Darotschin-Legende, von der wir bei unserer letzten Zusammenkunft sprachen, als wahr belegt. In Islands Urzeit hat auf dieser Insel ein extrem machtvolles Wesen namens Darotschin gelebt, das den Schlüssel zur vollständigen Kontrolle des menschlichen Bewußtseins in Händen gehabt haben muß. Ob es sich hierbei um eine weitere außerirdische Rasse gehandelt hat oder um ein menschliches Wesen mit absonderlichen magischen Fähigkeiten, ist unbekannt. Das Institut konnte jedoch anhand genauester Auswertung alter Aufzeichnungen den Eingang zu jener Gruft lokalisieren, in welcher Darotschins Vermächtnis aufbewahrt sein soll. Dieser Eingang befindet sich etwa 50 Kilometer östlich der Kaldidalur-Hochlandroute, mitten in wüstem Lavagestein und dürfte daher natürlicherweise vor dem Bekanntwerden in der Öffentlichkeit geschützt sein. Mein Vorschlag ist nun: Entsendung einer Forschungs-Expedition über die Universität Oslo mit dem offiziellen Auftrag, unerforschte Zugänge zu Lava-Grotten zu entdecken. Einer unserer direkten Agenten wird dabei sein und die Expedition in dem Moment sabotieren oder durch geeignete Maßnahmen beenden, in dem Darotschins Gruft gefunden wird. Ab dann werden unsere eigenen Leute die Sache in die Hand nehmen, meine Herren. Die völlige Kontrolle der menschlichen Verhaltensweisen wird der Lohn dieser Mühe sein."
Wohlwollend nickten die meist dunkel gekleideten Herren und klopften beistimmend auf dem Tisch. Ein dunkelhäutiger, stämmig gebauter Mexikaner, dem eigentlich nur noch der Sombrero fehlte, meldete sich nun zu Wort. Von ihm wußte man am wenigsten in der illustren Runde. Er kontrollierte jedoch das gesamte südamerikanische Öl- und Drogengeschäft, einschließlich aller Kartelle in und um Medellin. Zudem stand er treu zu den Zielen des Gremiums der Neunzehn, wie bekannt war. Er war somit ein wichtiges Mitglied der verschworenen Gemeinschaft, deren Mitglieder ihre unbedingte Treue zweimal jährlich durch ein spezielles Ritual unter Beweis stellen mußten. Bekundete das Ergebnis ein Schwächerwerden der Treue (konkret: weniger als 90% Standhaftigkeit), war umgehende Liquidation die Folge. Jedes Mitglied wußte um diese Maßnahme seit Beginn der Mitgliedschaft, und doch warteten unzählige Anwärter in aller Welt darauf, in den Kreis der wahren Herrscher aufgenommen zu werden, denn die Mitgliedschaft im Gremium der 19 versprach absolute Macht. Man konnte jedoch nur äußerst schwer hineingelangen, nur nach ausgiebigsten Prüfungen der gesamten Persönlichkeit während vieler Jahre und auch nur bei bereits vorhandener gewaltiger weltlicher Macht- bzw. Geldfülle. Hinaus kam aus dem Gremium niemand mehr, es sei denn, er wurde liquidiert oder verstarb auf natürliche Weise. Und selbst dann war seine Existenz auf lange Zeit magisch an die dunklen Machenschaften des Gremiums gebunden. Von Friede der Seele konnte bei den grauen Herren dieser Runde keine Rede sein nach ihrem Tod ...
Der Mexikaner vermied jede Floskel und kam umgehend zur Sache: "Wenn diese Gruft tatsächlich den Schlüssel zur totalen Kontrolle beherbergt, könnten wir von da an mehrere Projekte aufgeben, die uns große Kosten verursachen. Ich denke zum Beispiel an die Bewußtseins-Steuerungsversuche in dem kleinen Nest auf Long Island, deren technische Durchführung Unsummen verschlingt, ich denke aber auch an die Pharse der Drogen-Bekämpfung durch unsere Strohmänner in der Politik." Er grinste breit und fuhr fort: "Einerseits führen sie den Krieg gegen die angeblichen Drogenbosse, andererseits verdienen sie einen ordentlichen Batzen Geld an der Sache. Beides finanzieren wir. Beides könnte abgestellt werden. Die Irreführung der Massen haben wir bald nicht mehr nötig ..."
Prof.Dr.Dr. Conrad, ein hagerer, schlanker Wissenschaftler, heimlicher Besitzer von 90% der nordamerikanischen Lebensmittelproduktionen und persönlich Verantwortlicher für die Experimente auf Long Island, von den anderen Gremiums-Mitgliedern nur Doc. genannt, polterte etwas ungehobelt los: "Nein, meine Herren, nein! Die Monteaux-Versuche werden nicht eingestellt! Wie Sie wissen, finanziere ich sie großteils aus meiner eigenen Kasse, nicht über den gemeinsamen Fundus. Und die Ergebnisse in Sachen Zeitreisen, die wir in den letzten Jahren erreicht haben, sind phänomenal. Wir brauchen keinen mystischen Darotschin mehr, um Fantastisches zu leisten. Das können wir nun bald selbst! Ich bin nicht dagegen, daß die Gruft gesucht wird, doch parallel dazu werde ich die Versuche auf elektronischem Gebiet auf alle Fälle fortführen!"
"Natürlich müssen sie fortgesetzt werden!" rief ein kleiner, gedrungener Chinese dazwischen, dessen Englisch nach wie vor holperig war, obwohl er nun schon vielen dieser auf englisch geführten Gremiums-Sitzungen beigewohnt hatte. Chong Li-Fung trat in der Öffentlichkeit niemals in Erscheinung. Und doch hatte er Chinas Politik seit Maos Zeiten her entscheidend bestimmt. Man munkelte, daß er irgendwann einmal einen riesigen Goldschatz der früheren chinesischen Kaiser entdeckt hatte, womit er in China jeden und alles hatte erkaufen können. Das Verjüngungs-Elixir, eines der geheimen Medikamente des Gremiums, sprach bei ihm besonders gut an, so wirkte er nach außen hin wie ein gesunder Mittdreißiger, obwohl er bestimmt schon 100 Jahre alt war. Nach einer rhetorischen Kunstpause fuhrt der Chinese fort: "In meinem Land wächst die Bevölkerungs-Zahl trotz aller Zwangsmaßnahmen und Massentötungen rapide an. Fast wie eine Rattenplage. Das könnte eine unbeabsichtigte Revolution herbeiführen, wenn selbst die wenige zugeteilte Nahrung eines Tages nicht mehr ausreicht. Sogar die Fertilitäts- und Potenz-Reduzierung mittels Beimengungen im Trinkwasser recht bei uns nicht mehr aus. Wenn das Darotschin-Projekt fehlschlägt, werden wir die gezielte Massen-Manipulation mit elektromagnetischen Strahlen forcieren müssen. Doc., forschen Sie so lange Sie möchten. Doch bringen Sie uns bald einsetzbare Ergebnisse!"
Nun erhob sich ein sehr intelligent wirkenden, schmalbrüstiger Mann mit Nickelbrille und weit auseinanderstehenden Augen. Er war Deutscher, seines Zeichens seit vielen Jahrzehnten steuernder Hintermann aller deutschen Regierungen seit dem zweiten Weltkrieg, darüber hinaus stiller Besitzer eines Großteils des Kapitals der größten deutschen Banken, einschließlich der Bundesbank. Wo immer Kredit-Zinzen gezahlt wurden, sie flossen stets in seine Taschen. Undenkbar daß in Deutschland eine wirklich wichtige Entscheidung ohne seine Zustimmung gefällt wurde. Auch der Ausgang jeder 'demokratischen' Wahl wurde von diesem Herrn vorausbestimmt, denn es war nur eine leichte Übung, die Akzeptanz oder Ablehnung einer Partei geschickt in die richtige Richtung zu lenken. Ein kleiner Skandal zur rechten Zeit vermochte die Deutschen leicht in ihrer Emotionalität zu lenken. Dieser Herr schürte das Chaos des aufkeimenden Rechtsradikalismus in Deutschland und war letztlich verantwortlich für die steigende Arbeitslosigkeit, um dadurch ein weiteres Druckmittel auf die Bevölkerung ausüben zu können. Er war einer der gefühlskältesten Mitglieder des Gremiums, vielleicht inzwischen sogar emotional völlig tot. Seine Stimme schnitt sich wie ein Messer in den Kellerraum: "Keine Frage, die Gruft des Darotschin wird ausfindig gemacht und alle darin gefundenen Machtmittel werden unser Wirken weiterhin stärken. Vergessen Sie nicht, meine Herren, der Endsieg der völligen Weltkontrolle wird umso rascher eintreten, auf je mehr verschiedenen Ebenen wir wirken können. Die Drogenkartelle sollen ebenso weiterarbeiten wie die Drogenbekämpfung. Schließlich finanzieren wir mit den Drogengeldern auch einen Teil des geheimen Mars-Projektes und den Ausbau der dortigen Station. Die ganze Drogen-Geschichte gehört schließlich zur Zermürbungs-Strategie. Doch ich bin - wie unser norwegischer Kollege - auch der Meinung, daß das Darotschin-Projekt sehr intensiv betrieben werden muß. Der Eingang zur Gruft muß so schnell wie möglich gefunden werden. Doch nun noch zu einem anderen Punkt. Wie Ihnen bekannt ist, meine Herren, mußte unser russisches Mitglied Piotr Karukov mit dem Tötungs-Ritual liquidiert werden, weil er im Begriff stand, mit primitiven Straßengangstern der Mafia seines Landes zu kooperieren. Als neues Mitglied des Gremiums schlage ich seinen Sohn Alexejew Piotrowitsch Karukov vor. Er hat großen Einfluß auf den momentanen Präsident Jelzin. Ich möchte fast behaupten, wenn er erst einmal vollwertiges Mitglied im Gremium ist, wird er Jelzin perfekt lenken können. Ich habe mir erlaubt, ihn für die heutige Sitzung einzuladen, denn er ist sehr darn interessiert, die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Über die Konsequenzen einer vollen Mitgliedschaft im Gremium wurde er bereits belehrt."
Nachdem der Russe hereingebracht und einem letzten Verhör unterzogen worden war, wurde er als neues Miglied im Kreise der Neunzehn angenommen und dem okkulten Einweihungs-Ritual unterzogen. Von nun an gab es kein Zurück mehr für ihn.
***
Nach dem Erwachen fühlte sich Toni so glücklich wie nie zuvor im Leben. Er hatte bis lange in den Tag hinein geschlafen, so sehr hatte ihn die Umstände seiner überstützten Flucht aus dem Elternhaus innerlich belastet. Die Sonne schien ihm ins Gesicht. Er blickte hinaus, um sich zu orientieren. Der LKW stand auf einem Parkplatz. Flaches Land außen herum. Endlose Weiden mit Kühen darauf. Der Sommer zeigte sich in seiner ganzen Pracht. Überall Blumen!
"Wir sind schon in Dänemark!" unterbrach Micha die Gedanken des Jungen. Auch er war anscheinend erst vor kurzem erwacht, denn in der kleinen Kaffeemaschine im Führerhäuschen wurde gerade frischer Kaffee zubereitet. Micha hatte die Landkarte auf den Knien ausgebreitet und zeigte seinem Beifahrer die Route: "Schau, wir sind hier zwischen Kopenhagen und Helsingør. Ich war noch lange fit heute nacht. Die Überfahrt nach Dänemark hast du völlig verschlafen. Heute fahren wir bis nach Norwegen hinauf, immer die schwedische Westküste entlang. Da ist die Landschaft zwar noch nicht so faszinierend wie oben in Norwegen, doch die Weite der Landes und Ungezwungenheit der Leute werden dich begeistern."
Toni dehnte und streckte sich ausgiebig, blickte den rotbärtigen Fahrer dankbar an und sagte: "Micha, du bist so nett zu mir. Ich ..., ich ..., was soll ich sagen ..."
"Gar nichts brauchst du sagen, jedenfalls nichts erklären, Junge," erwiderte Micha, "ich kann mir schon ein paar Sachen zusammenreimen, denn du hast heute Nacht einen sehr bewegten Traum gehabt und dabei geredet. Dein ganzer Zorn über dein Elternhaus kam dabei heraus! Doch lassen wir das. Ich habe nichts gehört und will nichts hören. Und du vergißt am besten ganz schnell, was auch immer da gewesen war. Wer etwas Neues beginnen will, sollte nicht im alten Müll wühlen, sonst findet er natürlich immer nur Müll. Und Probleme kannst du sowieso nicht dadurch lösen, daß du darüber grübelst. So und jetzt Schuß damit. Hier, magste ein Käsebrötchen?"
Toni nahm wortlos und mit vor Verwunderung offenstehendem Mund das Brötchen entgegen und war so verdutzt, daß er nur ganz schwach "Danke" flüstern konnte. Dann aß er in Gedanken das Brötchen.
So etwas hatte er noch nie gehört. In der Schule, bei seinen Eltern, bei seinen Bekannten, eigentlich überall, da hieß es immer, man muß über all die Probleme nachdenken, man muß die Vergangenheit stets dazu benutzen, um daraus zu lernen. Und dieser verwegen aussehende LKW-Fahrer mit seinen spitzbübisch blitzenden Augen, der sagte einfach zu ihm: 'Veriß deine Vergangenheit, sie ist sowieso nur Müll ...' Mein Gott, darin steckte ja eine ganze Lebensweisheit. Dieser Micha, das war ja ein richtiger Held, jemand der wußte, wie man das Leben anpackt, genau wie die Gestalten der nordischen Sagen, doch anders ...! Bewundernd blickte der Junge seinen neuen Freund an, der gemütlich sein eigenes Käsebrötchen aufaß und sagte dann: "Warst du eigentlich schon oft in Norwegen, Micha, ich meine, weil du fast schon wie ein richtiger Wikinger aussiehst und auch ..., und auch ... auch einfach weißt, was du willst. Das wissen heutzutage nicht alle Menschen ..."
"Ja!" erwiderte Micha während er ungeniert weiterkaute. "Ja, ich war schon sehr oft in skandinavischen Ländern. Sie faszinieren mich. Als ich nur ein wenig älter war wie du, da lebte ich einmal ein ganzes Jahr lang auf Island, zum Schüleraustausch. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Island ist absolut faszinierend, gerade, wenn man einen Hang zu den nordischen Sagen hat. Auf irgendeine Weise sind sie dort noch lebendig."
Micha versprach bei der Weiterfahrt mehr über Island zu erzählen. Jetzt frühstückten sie erst einmal zuende, gingen dann gemeinsam in die Fernfahrer-Dusche der Raststätte und vertraten sich noch ein wenig die Beine in den blühenden Weiden. Dann kontrollierte Micha den LKW und rief kurz per GSM-Netz-Handy seinen Chef an, ob es schon eine Rückfahrt-Order gäbe.
Dann stiegen alle beide wieder ein und setzten die Fahrt fort.
Nach der kurzen Fährfahrt vom dänischen Helsingør nach dem schwedischen Helsingborg ging die Fahrt über die gut ausgebaute E6 immer schnurgerade nach Norden. Bis Oslo würden sie auf dieser breiten Straße bleiben, dann nach Nordwesten die E68 in Richtung Bergen nehmen.
Während Toni sich gar nicht sattsehen konnte an den grünen Wiesen und der weichen Hügellandschaft des südlichen Schweden, begann Micha nach einiger Zeit zu erzählen: "Island, das ist wie ein Traum, das ist eine lebendige Legende. Ein Land voller Gegensätze. Da prallen gewaltige Gletscher mit vulkanisch aktiven Zonen zusammen, das findest du liebliche Mooshügel und pechschwarzes, zerklüftetes Vulkangestein. Das ganze Land ist noch vulkanisch aktiv, davon zeugen viele heiße Quellen und dampfende Solfataren. Vulkane wie Krafla und Hekla speien immer wieder ihr Feuer und ihre Asche in die Luft und zeugen davon, wie klein doch die Macht des Menschen im Gegensatz zu den entfesselten Naturgewalten ist. Man kann bescheiden werden auf Island. Ich habe auch nirgends freundlichere und hilfsbereitere Menschen getroffen."
"Aber ist es dann nicht gefährlich, so nahe bei aktiven Vulkanen zu leben?" unterbrach Toni den schwärmenden Micha. Der gab zur Antwort: "Ich lernte einmal einen Farmer kennen, der ganz nahe an einem der Krater der Hekla wohnte, Hekla heißt übrigens frei übersetzt Schlund zur Hölle, ja und diesem Farmer stellte ich eine ähnliche Frage, wie du mir gerade, also ob es nicht gefährlich sei, so nahe bei der Hekla zu leben, wo dieser Vulkan doch unberechenbar sei, weil es ein Spaltenvulkan ist. Und dieser Mann antwortete: 'I think,it is more dangerous to cross a street in Reykjavik!' Siehst du, Toni, das ist die Lebenseinstellung der Isländer. Sie leben in völligem Einklang mit der Natur. Sie kennen die Gewalten der Erde vollkommen an und hängen sich nicht an materiellen besitz, weil sie wissen, daß dieser bereits am nächsten Tag vom Vulkan zerstört sein könnte.