Die Katze und das Flugzeug
(Eine Parabel)
Vor einigen Jahren lebte in einem kleinen Land eine Katze, die das Mausen langsam satt hatte. Eigentlich hatte sie sogar das ganze Katzendasein gründlich satt. "Am besten, ich gehe in ein Land, in dem niemand mich kennt. Dann brauche ich nicht mehr zu mausen und vergesse vielleicht, daß ich Katze bin ...", dachte die Katze, bestieg ein Flugzeug und flog ins Land Lichterloh.
Während des Fluges freute sich die Katze schon sehr darauf, endlich als Nicht-Katze leben zu können, doch leider stellte sich gleich nach der Ankunft in Lichterloh heraus, daß es auch dort Katzen gab. Nur war dort alles anders herum als in ihrer Heimat: Hier jagten die Mäuse die Kat-zen, denn sie waren viel größer.
Fast wäre unsere Katze in Lichterloh von einer Maus "gekatzt" worden, doch sie schaffte in letzter Sekunde den Sprung in ein anderes Flugzeug, das sie vom gefährlichen Lichterloh wegbrachte.
Das Flugzeug flog nach Bribbelbrab, und während des ganzen Fluges freute sich die Katze darauf, dort nun endlich als "Nicht-Katze" leben zu dürfen.
Tatsächlich waren Katzen in Bribbelbrab unbekannt. Und so freute sich unsere Katze nach ihrer Ankunft darüber, endlich ein Leben ohne ihr aufgezwungenes Katzendasein führen zu können.
Doch als sie ihre ersten Schritte in Bribbelbrab machte, stellte sie ent-setzt fest, daß dieses Land fast nur aus Seen, Flüssen und Morast bestand. Es bribbelte und brabbelte an allen Ecken und Enden.
Wasserscheu, wie unsere Katze nun einmal war, ekelte sie sich davor, in diesem durchnäßten Land auch nur kurze Zeit zu bleiben. Traurig über ihr Katzendasein, dessen sie sich nun immer deutlicher bewußt wurde, versuchte sie ein weiteres Mal, vor sich selbst zu fliehen und flog mit demselben Flugzeug, mit dem sie gekommen war, gleich weiter.
Diesmal landete unsere Katze in Kattowanien. Dies war ein kleines Land, in dem es allerdings nur Katzen gab.
"Nun gut. Hier bin ich wenigstens kein Außenseiter, hier werde ich zu-mindest angenehme Verhältnisse vorfinden", dachte die Katze.
Sie versuchte, in Kattowanien heimisch zu werden.
Doch auch dieses Land ödete sie nach kurzer Zeit ziemlich an.
Gut, sie war kein Außenseiter, aber sie unterschied sich auch in keiner Weise mehr von den anderen.
Sie hatte ihre Individualität verloren.
Sie war ein Nichts in der großen Masse geworden. Ein Rädchen in einem immer weiter mahlenden Katzen-Getriebe!
Völlig unmöglich, hier zur Nicht-Katze zu werden, zu einlullend war die Gleichschaltung.
Der Wille unserer Katze, aus dem Schema auszubrechen und zu etwas Neuem zu werden, schwand dahin, je länger sie in Kattowanien weilte. Sie verlor den Mut, wieder ein Flugzeug zu besteigen, weil sie dachte, sie würde sowieso kein Land mehr finden, in dem sie zur Nicht-Katze werden konnte.
Irgendwann einmal erschien ihr im Traum eine strahlend leuchtende Katzengestalt.
"Bist du eine Nicht-Katze?" fragte die Träumende die Gestalt, "du mußt eine Nicht-Katze sein, denn du siehst so glücklich aus".
"Nein!" antwortete die Lichtgestalt, "ganz im Gegenteil! Ich bin so glücklich, weil ich wirklich KATZE werden durfte. Zuerst wollte ich auch dauernd das Mausen aus mir verdrängen, doch je mehr ich es bekämpf-te, desto schlimmer fesselte es mich. Dann kam die Zeit, in der ich nicht mehr gegen mich selbst kämpfte, sondern einfach war. Und wahrnahm. Dadurch, daß ich zuließ zu sein, wurde ich - und wuchs.
Jetzt bin ich einfach".
"Wer bist du denn? Und wo hast du ein Land gefunden, in dem du zufrieden bist und nicht mehr mausen mußt?" fragte unsere Katze ganz aufgeregt, weil sie die Traumgestalt immer noch nicht verstanden hatte.
"Ich bin selbst zu diesem Land geworden, in dem ich für immer bleiben kann. Ich bin DIE KATZE".
Da erwachte unsere Katze und wußte plötzlich, daß sie lange Zeit einem Phantom nachgejagt war.